Wie umgehen mit den sexuellen Übergriffen in Köln und Hamburg?

Für jede Frau muss ein solcher Moment im höchsten Maße furchterregend sein. In Köln haben in der Silvesternacht betrunkene, agressive Männer im Stadtzentrum Frauen eingekreist und diese angegriffen und begrapscht. Die Zahl der Männer wird hierbei auf 500 bis zu 1000 geschätzt, und ersten Einschätzungen zufolge waren die Angriffe koodiniert. Ein Minister beschrieb die Ereignisse als einevollkommen neue Dimension von Verbrechen”. Wolfgang Albers zufolge, dem Polizeipräsidenten, fand hier ein sexuelles Verbrechen besonderen Ausmaßes statt. Er gab an: “Die Taten wurden von einer Gruppe von Personen verübt, die dem Anschein nach zu großen Teilen aus Nordafrika und der arabischen Welt stammen.”

Das Ausmaß sexueller Gewalt gegen Frauen weltweit ist überwältigend: Es ist grauenerregend, herzzerreißend und letztendlich macht es wütend. Ob in der Öffentlichkeit oder innerhalb der vermeintlich sicheren eigenen vier Wände, die Angriffe gegen Frauen kennen keine Grenzen. Um die Vereinten Nationen zu zitieren: “Es wird angenommen, dass 35% aller Frauen weltweit im Laufe ihres Lebens entweder körperliche und/oder sexuelle Gewalt eines Intimpartners oder sexuelle Gewalt eines nicht-Partners erfahren. Manche nationalen Studien zeigen, dass bis zu 70% der Frauen im Laufe ihres Lebens körperliche und/oder sexuelle Gewalt eines Intimpartners erfahren.”

Die Übergriffe in Köln sind also nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern vielmehr Ausdruck einer ernstzunehmenden, globalen Situation. Das mag sich dramatisch anhören, aber die Zahlen und Augenzeugenberichte sprechen für sich. Die Zeitung The Guardian berichtet: Eines der Opfer, Katja L., sagte gegenüber dem Kölner Express: “Als wir aus der U-Bahn Station kamen, waren wir von der Gruppe ausschließlich ausländischer Männer, auf die wir trafen, total überraschtWir sind durch die Gruppe gelaufen, es gab einen Tunnel durch sie hindurch. Ich wurde überall angefasst. Es war ein Alptraum. Obwohl wir schrien und um uns schlugen, haben die Männer nicht aufgehört. Es war entsetzlich, und ich glaube ich bin auf den 200 Metern Fußweg bestimmt 100 Mal angefasst worden.” Einer der Ermittler sagte gegenüber dem Kölner Express: “Die weiblichen Opfer wurden so schlimm herumgeschubst, dass sie heftige blaue Flecken an Brüsten und Hinterteilen hatten.”

The Guardian berichtete weiterhin: “Die Angriffe waren zentraler Diskussionspunkt auf Twitter, wo manche den Medien Vertuschung unterstellten und die Besorgnis, die Vorfälle könnten von Anti-Flüchtlingsgruppierungen für sich genutzt werden, Ausdruck fand.”

Innerhalb der Auseinandersetzung besteht die tatsächliche Gefahr, dass die angegriffenen Frauen aus dem Blick verschwinden, begraben unter einer Debatte zwischen Links und Rechts. Genaugenommen passiert das bereits. Bleiben wir daher bei den Fakten.

Zahlreiche Frauen wurden auf einem öffentlichen Platz von bis zu eintausend Männern in eine Falle gelockt. Neunzig Opfer haben gegenüber der Polizei ausgesagt. Es gab darüber hinaus ähnliche sexuelle Übergriffe in der selben Nacht in Hamburg. Die Selbstverständlichkeit, mit welcher die Männer hierbei über die Körper der Frauen verfügten, ist entsetzlich.

Die Vorfälle sind dabei durchaus kontrovers zu verstehen, hat doch Kanzlerin Angela Merkel im Verlauf der letzten 12 Monate um die 1 Million Geflüchtete aus Afrika und der arabischen Welt ins Land gelassendieselbe demographisch dominante Gruppe unter den jungen Männern, die diese Angriffe ausführten. Merkels Politik wird nun von vielen für den Anstieg von Sex-Attacken verantwortlich gemacht.

Dennoch wird dies keinen Einfluss darauf haben, dass sich die laufende Debatte um das ThemaRassedreht. Also können wir uns auch damit beschäftigen. Deutschland ist nicht gerade divers und die Mehrheit der Schwarzen und arabischen Menschen scheinen der Arbeiterschaft anzugehören. Dafür gibt es alle möglichen wirtschaftlichen Gründe, zum Beispiel die Tatsache, dass Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten es durchaus schwer haben, Papiere zu bekommen und Arbeit aufzunehmen, wenn sie erst einmal hier sind.

In Berlin, wo ich lebe, ist die überwältigende Mehrheit Schwarzer, im Alltag sichtbarer Männer arm, obdachlos oder im Drogenverkauf auf der Warschauer Straße oder am Görlitzer Park, zwei der belebteren Bahnhöfe der Stadt, involviert. Und mit überwältigender Mehrheit meine ich so um die 80%, wenn nicht noch mehr. Und auch wenn es provokant klingt, ich denke die sozio-ökonomischen Umstände und die Frage, weshalb diese Schwarzen Männer eigentlich so arm sind, interessieren einfach auch nicht genügend Menschen hier vor Ort. Ich denke es gibt vielmehr eine weit verbreitete Tendenz, die größer ist als so manche hier anerkennen mögen, zu glauben, Schwarze Männer seien grundsätzlich weniger vertrauenswürdig oder eben kriminell.

Ich behaupte dies teilweise auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in der Stadt und von Berichten mehrerer meiner nicht-weißen Freunde. Ein Freund aus Westafrika fand es bei einem Besuch der Stadt so schwierig eine AirB&B Wohnung zu finden, dass er jemand Dritten für sich buchen lassen musste. Berichte von Schwarzen, die versuchen in der eh schon schwierigen Wohnsituation in Berlin Zimmer oder Appartments zu finden, lassen ein Gesamtbild von Diskriminierung ziemlich deutlich zu Tage treten. Ziemlich alltäglich bin ich immer wieder überrascht, wie oft es passiert, dass weiße Berliner – auch in voll besetzten Zügen – den Platz neben mir verlassen, allem Anschein nach wenig angetan von der Aussicht neben einem Mann mit afrikanisch anmutendem Äußeren zu sitzen. Und sollte sich das paranoid anhören, dann muss gesagt werden, dass mir dies erst auffiel, als ich von einem weißen, kopfschüttelnden Mann amüsiert darauf hingewiesen wurde. Für jene, die denken, ich sei übersensibel, möchte ich ein paar Fakten herausstellen. Ich liebe diese Stadt und hier zu leben ist es wert auch mit solchen Unannehmlichkeiten zurecht zu kommen. Aber diese Dinge haben mir vor Augen geführt, dass die kulturellen Erwartungen an Schwarze Männer in manchen Gegenden Deutschlands bereits erschreckend niedrig sind. Und jetzt haben wir also auch noch solche Angriffe wie in Köln, einer der schlimmsten seiner Sorte, an die ich mich überhaupt erinnern kann.

Also was schließen wir jetzt aus dieser Analyse? Eigentlich simpel. Stehen wir den Frauen bei. Als Schwarze nner mit afrikanischen Wurzeln hassen uns die Rassisten in Deutschland sowieso. Sie dachten schon beim ersten Anblick wir seien Vergewaltiger und Perverse und jede sonstige Form von Sexualverbrechern. Ihnen sind die Frauen, die in Köln und Hamburg angegriffen wurden egal jenseits der Möglichkeit hier die vermeintlichen Beweise dafür zu finden, dass wir genauso animalisch sind, wie sie es immer schon befürchtetoder gehoffthatten. Deswegen sind mir diese Leute eigentlich egal. Es stört mich auch nicht wirklich, wenn irgendjemand eben nicht neben mir im Zug sitzen will. Die Angst vor dem Unbekannten ist schwierig abzugewöhnen. Mich interessieren vielmehr die Frauen, welche sich jetzt in der Öffentlichkeit mehr denn je unsicher und ängstlich fühlen müssen. Ich denke nicht, dass Frauen sich jemals wirklich wohl gefühlt haben, bei Nacht durch Ansammlungen betrunkener, agressiver Männer gehen zu müssen, egal welche Herkunft diese haben. Aber Männer afrikanischer oder arabischer Herkunft werden zukünftig mit noch mehr vorsichtiger Zurückhaltung und Mißtrauen von Frauen zu tun haben.

Hier ist also was ich denke, was getan werden sollte. Wieso fangen wir nicht bei dem prinzipiellen Grundrecht der Frau an, sich, wo immer sie sich auch auf der Welt befindet, frei auf der Straße bewegen zu können, ohne dabei angegrabscht zu werden.

Und wieso sehen wir dies nicht als perfekten Moment für den Mann an, egal welchen Hintergrunds, ernsthaft wütend darüber zu werden, wie Frauen im öffentlichen Raum behandelt werden und sich dem Glauben, es sei irgendwie sozial anerzogen und Teil unseres unkontrollierbaren sexuellen Drangs, Frauen zu objektifizieren und zu belästigen, wenn sie vorbeilaufen, mit Nachdruck zu widersetzen. Lasst uns unser Bestes tun, der global schon viel zu lange vorherrschenden Frauenfeindlichkeit entgegenzutreten und den wie auch immer gearteten sexistischen Lehren der Unterdrückung zu entsagen. Weil Frauen es leid sind uns darüber zu berichten und einen Kampf zu kämpfen, der viel zu lange schon viel zu wenig Aufmerksamkeit erfahren hat.

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